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Julius Weitmann – Der Pionier

DJulius Weitmannen Ziehharmonika-Effekt von Teleobjektiven mochte er nicht: „Sie sind weniger das Werk der Männer am Auslöser, als vielmehr das der Objektivkonstrukteure.“ So das verächtliche Urteil des Fotografen Julius Weitmann 1965 über jene Kollegen, die mit 400 und mehr Millimeter Brennweite ihr Motiv auf einen 24 x 36-Millimeter-Kleinbildfilm „oft bis zur Unkenntlichkeit zusammenquetschen“.

In jenem Jahr war der im November 1908 in Schwäbisch Gmünd geborene Verfechter von Mittel- und Großformat-Fotos längst in der Redaktion auto motor und sport mit seinen dynamischen, oftmals spektakulären Motorsport- und Autobildern etabliert.

Sein Lebensweg hat jedoch gänzlich anders begonnen. 1925 trat Julius Weitmann mit 17 Jahren in die Deutsche Marine ein und wurde in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs Presseverbindungsmann der Großadmirale Raeder und Dönitz. Nach Kriegsende versuchte er sein Glück zunächst mit einem Dolmetscherbüro in Wilhelmshaven. Der Hunger im kargen Norden vertrieb ihn nach Stuttgart als Sachbearbeiter Flüchtlingsamt; das Evangelische Hilfswerk in Württemberg schickte ihn auf Reportagereisen in die halbe Welt. Gleichzeitig versuchte er sich als Text- und Bildkorrespondent bei den Illustrierten „Revue“ und „Quick“.

Der Legende nach fand Weitmann Anfang der fünfziger Jahre im Hinterhofmüll eines Stuttgarter Fotohändlers eine objektivlose 4 x 5-Inch-Mittelformatkamera. Mit dieser 2,5 Kilogramm schweren amerikanischen „Speed Graphic“ brachte er von seinen ersten Rennbesuchen im Jahr 1954 bei den Formel 1-Grands Prix aus der Schweiz und Italien noch nie gesehene Motive mit, die sowohl in auto motor und sport als auch in der Schwesterzeitschrift MOTOR REVUE publiziert wurden.

In der Formel 1-Szene erarbeitete er sich schnell einen einzigartigen Ruf.

Besonders berühmt war er für seine Kaltblütigkeit an der Rennstrecke: ob bei der Le Mans-Katastrophe 1955, bei dem von ihm vorausgeahnten Frankenberg-Unfall auf der Avus 1956, oder beim Hans-Herrmann-Überschlag in Berlin 1959. Weitmann: „Für die eigene Sicherheit, die man bei Automobilrennen nicht aus den Augen lassen sollte, blieb der Schritt nach rechts oder links, je nachdem, wie der Wagen mich passieren würde. Wahrlich, mit Schnappschuss hatte das nichts zu tun.“

Auch bei der Testfotografie liebte Julius Weitmann die schnelle Gangart. Er forderte Speed, Dynamik und Präzision. Und er bestimmte vorher, wo und wie er das Auto im Drift haben wollte, und wo er geneigt war, auf den Auslöser zu drücken. Vom Mann am Volant wurde hohes Talent erwartet. Wer mit ihm auf Fototour gehen durfte, der zählte zu den Könnern.

Dynamik war bei seinen Testfotos Trumpf. Bei seinen Entwicklungsreportagen durfte es auch etwas künstlerischer sein. Der Porsche 904 Kunststoff-Karosserie verlieh er durch Ausleuchtung einen ganz besonderen, ja formalen Reiz. Weitmann-Freund und Ex-Rennfahrer Paul Ernst Strähle bezeichnete den Lichtbildner einmal als den „Rembrandt unter den Fotografen“.

Der leidenschaftliche Hobbyjäger, der sich selbst auch als „Abschusshirsch“ bezeichnete, starb am 21. September 1980 in Warmbronn bei Stuttgart.